Alva und der leise Weg nach oben – Abenteuergeschichte für Kinder
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Die Felsen lagen in der Sonne. Alva stand unten davor und schaute nach oben. Der Stein war grau und rau, mit kleinen Rissen und Vorsprüngen überall. Hier roch es nach Erde und trockenem Gras. Die Luft war kühl, aber die Sonne wärmte ihr Gesicht. Das Gras knirschte leise unter ihren Schuhen. Irgendwo hinter ihr rief ein Vogel, einmal kurz. Dann war es still.
Alva kannte diese Felsen. Seit dem Sommer war sie schon dreimal hier gewesen. Die kleineren Felsen rechts hatte sie alle geschafft, einen nach dem anderen. Der große in der Mitte war anders. Er war höher, mit glatteren Stellen und weniger Griffen als die anderen. Der Schatten der Felsen lag kurz und dunkel auf dem Gras davor. Alva hatte den großen zweimal versucht. Beide Male war sie auf halbem Weg stehen geblieben. Die Finger hatten gezittert, und sie war wieder hinuntergeklettert. Heute stand sie wieder davor. Der Fels sah genauso aus wie beim letzten Mal. Oben, wo er flacher wurde, lag ein breites Stück Fels in der Sonne.
Sie trat näher heran. Die Finger tasteten den unteren Teil ab, Stein für Stein. Die Griffe hier kannte sie gut. Fest und sicher zu fassen. Das war nicht das Problem. Das Problem lag weiter oben, an der Stelle mit dem breiten glatten Stein.
Um dorthin zu kommen, musste man die linke Hand kurz loslassen. Nur für einen Moment, dann schnell zum nächsten Griff. Alva hatte das schon viele Male gedacht. Aber wenn sie dort oben stand, passierte nichts. Die linke Hand blieb, wo sie war. Der Bauch wurde eng, und die Beine wollten nicht mehr nach oben. Es half nichts, es sich vorzustellen. Die Hände würden es nicht einfach so tun. Alva blieb trotzdem stehen. Weggehen wollte sie auch nicht.
Alva griff den ersten Stein. Die Hände packten fest zu. Die Finger fanden die Rillen. Sie zog sich hoch. Die Füße fanden ihre Stellen, einen nach dem anderen. Der Fels war warm von der Sonne. Die ersten Meter liefen gut. Ein Griff, noch einer, dann noch einer.
Dann war sie an der schwierigen Stelle. Der breite glatte Stein direkt vor ihr, der nächste Griff weiter rechts. Alva hielt inne. Die linke Hand drückte flach gegen den Stein. Die Arme zitterten ein bisschen. Sie streckte den rechten Arm aus. Noch nicht. Die Finger schabten über den glatten Fels, fanden keinen Halt. Sie drückte sich enger an den Stein. Die Wange spürte die Kälte. Noch einmal. Wieder nichts.
Alva kam herunter. Langsam, Griff für Griff. Am Boden stand sie und rieb die Handflächen aneinander. Die Haut brannte von der rauen Oberfläche. Sie schaute nach oben. Von unten sah die schwierige Stelle nicht so schlimm aus. Aber dort oben fühlte es sich ganz anders an. Eng und fest und anders.
Sie startete ein zweites Mal. Die Füße fanden die gleichen Stellen wie vorhin. Wieder kam sie zur schwierigen Stelle. Die linke Hand drückte gegen den Fels. Der rechte Arm streckte sich. Zu weit. Zu glatt. Alva wartete. Ihr Unterarm begann zu zittern. Aber der Griff wurde nicht besser. Sie kam wieder herunter.
Alva setzte sich auf einen flachen Stein unten. Die Arme lagen schwer auf den Knien. Die Hände öffnete sie und schaute auf die roten Stellen in den Handflächen. Die Schultern zogen nach unten. Die Beine fühlten sich schwer an vom langen Stehen und Greifen.
Sie dachte daran aufzuhören. Den Fels für heute stehen zu lassen. Vielleicht war der große Fels einfach nichts für sie.
Dann schaute sie doch noch einmal hin. Weiter rechts, etwas abseits von ihrer üblichen Linie – da war etwas. Ein schmaler Vorsprung, kaum zu sehen. Den hatte sie noch nie benutzt. Alva blinzelte. Die Augen wurden schmal. Von hier unten konnte man ihn gerade so erkennen. Wenn man die linke Hand dorthin setzte, wäre der nächste Griff viel näher.
Sie hatte immer den gleichen Weg genommen. Immer die gleiche Linie. Aber dieser Weg klappte nicht. Das bedeutete: loslassen. Den alten Weg loslassen. Den Weg, den sie kannte. Das war schwerer als es klang.
Alva stand auf. Die Hände taten ein bisschen weh. Trotzdem trat sie noch einmal an den Fels. Diesmal ein Stück weiter rechts als sonst.
Sie zog sich hoch. Ein Griff, noch einer. Alva ließ sich Zeit. Keine Eile. Die Füße suchten feste Stellen. Weiter rechts, weiter oben. Der schmale Vorsprung kam näher. Alva setzte die linke Hand daran. Fest. Ruhig. Von dort aus sah sie den nächsten Griff direkt vor sich.
Sie griff. Die rechte Hand fasste zu. Der Griff hielt.
Alva atmete aus. Dann stieg sie weiter. Ein Zug nach dem anderen. Über die schwierige Stelle hinaus, weiter nach oben. Die Griffe wurden dichter und fester. Der Stein duftete nach Sonne und Staub. Alva kletterte, bis die Felsenwand flacher wurde und dann aufhörte.
Oben auf dem Fels hielt sie inne. Unter ihr lag das Feld, weit und flach. Die Bäume dahinter lagen weit unten. Der Wind war hier oben stärker, ein gleichmäßiges Ziehen über den Fels. Er strich ihr durch die Haare.
Alva setzte sich hin. Die Beine hingen über den Rand. Sie stützte die Hände hinter sich auf den warmen Stein. Die Wärme des Fels zog durch die Handflächen. Ihr Atem kam gleichmäßig. Die Schultern sanken nach unten. Unter ihr knisterte das trockene Gras im Wind.
Nach einer Weile stand sie wieder auf. Sie klopfte die Hände ab, Staub fiel herunter. Dann ging sie ein Stück nach links, langsam. Die Oberfläche oben war breiter als sie gedacht hatte. An einer flachen Stelle setzte sie sich ein zweites Mal. Diesmal mit dem Gesicht zur Sonne. Die Augen schloss sie halb. Die Wärme war gleichmäßig und ruhig. Die Steine unter ihr waren fest und glatt. Unten auf dem Feld bewegte sich das Gras.
Der Abstieg war leichter als der Aufstieg. Alvas Füße fanden die Stellen von selbst. Die Griffe kannte sie jetzt in beide Richtungen. Die Hände arbeiteten ruhig, ohne zu zittern. Den letzten Griff ließ sie langsam los.
Unten angekommen, legte Alva die Hand auf den unteren Fels. Der Stein war noch warm von der Sonne. Sie blieb einen Moment stehen und schaute den Fels von unten an. Er sah jetzt kleiner aus als vorher.
Dann flüsterte sie etwas. Leise, nur für sich. Was genau, das blieb zwischen ihr und dem Fels.
Der Wind zieht über die Steine. Die Sonne steht tief über dem Feld.
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Worum geht es in dieser Geschichte?
Alva steht vor einem großen Felsen, den sie schon mehrmals nicht geschafft hat. Von unten wirkt er gar nicht so schwierig — doch dort oben fühlt sich alles anders an. Die Hände werden unsicher, die Arme beginnen zu zittern, und der vertraute Weg funktioniert einfach nicht.
Als Alva erneut versucht hinaufzuklettern, merkt sie, dass sie etwas verändern muss. Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, stärker zu werden, sondern darin, einen neuen Weg zu entdecken. Schritt für Schritt wagt sie sich weiter nach rechts, an eine Stelle, die sie bisher nie benutzt hat. Und plötzlich verändert sich alles.
Diese Geschichte erzählt von Mut, der leise wächst. Von Zweifeln, die dazugehören dürfen. Und von dem besonderen Moment, in dem ein Kind merkt, dass es mehr schaffen kann, als es gedacht hat.
Besonders geeignet ist diese Geschichte für:
– ruhige Momente am Tag
– das Einschlafen am Abend
– kleine Pausen zwischendurch
– Kinder, die Abenteuer lieben



