Taro und der erste Schritt – Kindergeschichte zum Anhören
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Die Manege war leer. Kein Publikum, keine Musik, keine anderen Artisten. Das Sägemehl auf dem Boden war gleichmäßig geharkt. Das große runde Licht von oben warf einen hellen Kreis in die Mitte. Ringsherum standen die leeren Ränge, Reihe um Reihe, bis hoch unter das Zeltdach. Abends würden sie voll sein. Jetzt waren sie still. Taro stand am Rand und schaute hinein. Er war ein junger Affe, klein und braun, mit langen Fingern. Sein Schwanz rollte sich immer ein, wenn er nervös wurde. Gerade war er sehr eingerollt.
Neben ihm stand Nuri. Nuri war eine Ziege, grau und kompakt, mit einem kleinen Bart. Ihre Augen sahen immer ein bisschen fragend aus. Die beiden hatten die Manege heute für sich. Alle anderen Artisten probten woanders.
„Du gehst zuerst“, sagte Nuri.
„Nein“, sagte Taro.
„Du bist dran.“
„Du bist kleiner.“
Nuri schaute ihn an. „Ich bin eine Ziege.“
„Genau“, sagte Taro. Aber er wusste selbst, dass das kein Argument war.
In der Mitte der Manege stand das Seil. Es hing von zwei Pfosten herunter, etwa einen halben Meter über dem Boden. Darunter lag sein schmaler Schatten im Sägemehl. Für die Abendvorstellung würde es höher gespannt werden. Viel höher, fast bis unter das Zeltdach. Aber jetzt war es auf Übungshöhe. Das hatte Zarko, der Direktor, gesagt: erst unten üben, dann oben. Nur wer unten sicher war, durfte hoch. Seit einer Woche übte Taro schon. Die Schritte machte er gut. Aber die Linie hatte er in der Mitte noch nie losgelassen, nicht einmal kurz.
Heute sollte er das zum ersten Mal tun.
Vorsichtig trat Taro auf die gespannte Linie. Die Finger griffen den Pfosten, fest. Das gedrehte Hanfseil war rau und fest unter den Fußsohlen. Dieses Gefühl kannte er gut. Die kleinen Unebenheiten unter den Zehen. Das leichte Schwingen beim Gewichtsverlagern. Dann ließ er den Pfosten los und stand frei. Eins, zwei, drei Schritte. Das lief gut. Das lief immer gut, bis zur Hälfte. Den Anfang kannte er. Den Anfang konnte er.
Dann kam die Stelle. Der Punkt, wo er die Arme ausbreiten und einen Schritt ohne Halt machen sollte. Dort blieb Taro stehen. Das Seil bewegte sich ein kleines bisschen unter ihm. Er wartete, bis es ruhig war. Die Linie schwankte ein kleines bisschen. Weiter links war nichts. Kein Pfosten, kein Griff, kein Netz. Nur Luft und Sägemehl, einen halben Meter tiefer.
Die Füße bewegten sich nicht.
Dann kam Taro zurück. Unten kletterte er herunter und setzte sich auf den Rand der Manege. Der Schwanz rollte sich vollständig ein.
„Gleich noch mal.“ Nuri trat näher.
„Ich weiß“, sagte Taro.
„Du fällst sowieso nicht. Die Höhe ist halb so hoch wie abends.“
„Ich weiß.“
Nuri stellte sich neben ihn. Ihre Hufe machten auf dem Sägemehl ein leises Knirschen. „Was passiert, wenn du loslässt?“
„Ich falle.“
„Vielleicht. Und dann?“
Vor ihm lag die Linie. Den Abstand von der Mitte bis zum Boden hatte er schon gemessen, dreimal sogar, von verschiedenen Seiten. Eineinhalb Schritt. Nicht mehr als von einem Baum zum nächsten, und auf Bäumen war er jeden Tag. Von Bäumen fiel er auch manchmal. Dann stand er wieder auf.
Das wusste er. Das half trotzdem nicht. Das Baumgefühl und das Seilgefühl waren zwei verschiedene Dinge, und der Kopf wusste das genau.
„Komm“, sagte Nuri. Dann trat sie auf das Seil. Ihre Hufe passten kaum drauf, aber sie balancierte gut. Langsam, aber sicher. Sie ging drei Schritte, dann vier, dann stand sie in der Mitte. Und ließ los.
Einfach so. Kein Zögern, kein Anlauf. Arme zur Seite, Hufe auf dem Seil.
Sie fiel nicht.
Die Knie waren ein bisschen steif vom Sitzen auf dem Rand. Taro klopfte sie einmal ab und ging wieder auf das Seil. Beide Hände am Pfosten, dann losgelassen. Eins, zwei, drei Schritte. Die Stelle kam. Diesmal blieb er nur kurz stehen. Weniger lang als vorhin. Die Arme wollten nach außen, er ließ sie.
Dann breitete er die Arme aus. Der Schritt kam von selbst, nicht aus dem Kopf. Die Finger griffen in die Luft. Das Seil bewegte sich. Sein Körper bewegte sich mit.
Er fiel nicht.
Der nächste Schritt. Und noch einer. Die Mitte war jetzt hinter ihm, das merkte er an der Richtung des Seils unter seinen Füßen. Weiter ging er über die Linie. Die Schritte wurden ruhiger, je weiter er kam. Drei, vier, fünf. Das Gewicht verlagerte sich gleichmäßig von Fuß zu Fuß. Bis zum anderen Pfosten. Dort hielt er sich fest. Die Hände zitterten ein kleines bisschen, aber das Seil hatte gehalten, die ganze Zeit.
„Schau mal“, sagte Nuri.
Über die Manege hinweg schaute Taro zurück. Er stand auf der anderen Seite. Die Strecke lag hinter ihm, gerade und ruhig. Er hatte sie überquert. Der Weg sah von hier genauso aus wie von der anderen Seite. Gleich lang. Gleich schmal. Aber jetzt stand er drüben.
Nuri trabte zu ihm rüber. Nicht über das Seil, sondern unten herum. „Nochmal?“
Diesmal sah Taro direkt auf die Linie. Sie sah jetzt anders aus als vorhin. Gleich lang. Gleich dick. Gleich hoch. Aber etwas hatte sich geändert. Er konnte nicht genau sagen, was. Die Strecke war dieselbe. Er war auch noch derselbe. Aber die Stelle in der Mitte sah jetzt kleiner aus. Oder vielleicht nicht kleiner. Nur erreichbarer. Einmal hatte er sie überquert. Das war kein Zufall mehr.
„Ja.“
Wieder stieg er drauf. Diesmal vom anderen Ende, damit die Richtung anders war. Zuerst blieben die Hände noch am Pfosten. Das vertraute Holz lag fest in den Fingern. Dann ließ er los. Die Schritte kamen, eins, zwei, drei. Die Stelle kam wieder. Die Hände wollten einen Moment nach vorne greifen, nach etwas, das nicht da war. Taro ließ sie.
Die Arme gingen von alleine auf. Die Füße machten den Schritt.
Die Linie hielt. Wieder.
Am anderen Pfosten ließ er die Hände sinken. Einmal war er die Strecke in die eine Richtung gegangen, einmal in die andere. Beides hatte gehalten. Der Schwanz rollte sich nicht ein.
Nuri war unten am Rand sitzen geblieben, einen Strohhalm im Maul, den sie irgendwo gefunden hatte. Taro stieg ab und setzte sich neben sie.
Aus dem Zelt nebenan kamen die Geräusche der anderen Artisten. Trommeln, Zurufe, das Klappern von Geräten. Bald würden die Pforten aufgehen.
„Heute Abend hängt es oben“, sagte Taro.
„Ich weiß“, sagte Nuri. Sie kaute weiter. Dann schaute sie ihn kurz an. „Du auch.“
Taro rollte den Schwanz auf. Halb, zumindest.
Dann stand er auf, ging zum Seil zurück und legte eine Hand kurz daran.
Jetzt war die Übung geschafft.
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Worum geht es in dieser Geschichte?
In der stillen Manege, noch bevor das Publikum kommt, steht Taro vor dem Seil. Alles ist ruhig. Das Licht fällt weich auf das Sägemehl, und die Welt scheint für einen Moment stillzustehen. Taro kennt die ersten Schritte längst. Doch genau in der Mitte bleibt er immer stehen.
Taro und der erste Schritt ist eine Kindergeschichte zum Anhören über einen kleinen, entscheidenden Moment. Es geht um das Gefühl, etwas zu kennen – und trotzdem zu zögern. Um den Unterschied zwischen Wissen und Tun. Und um den Augenblick, in dem ein Schritt plötzlich einfach geschieht.
Begleitet wird Taro von Nuri, die ruhig bleibt und zeigt, dass manchmal ein einziger Versuch genügt, um etwas zu verändern. Die Geschichte nimmt Kinder mit in eine klare, ruhige Szene und lässt sie erleben, wie sich Mut ganz leise entwickeln kann.
Besonders geeignet ist diese Geschichte für:
– ruhige Momente am Tag
– kleine Pausen zwischendurch
– Kinder, die gerne Geschichten hören
– Kinder, die Abenteuer und Fantasie lieben



