Tobias und die leise Drachenwerkstatt – Kindergeschichte zum Anhören
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Die Werkstatt roch nach Holz und Leim und etwas, das Tobias nicht genau benennen konnte. Etwas Warmes, ein bisschen wie Asche, aber nicht unangenehm. Die Kinder im Lager nannten es Drachenstaub. Tobias wusste nicht, ob das stimmte. Noch keine Zeit hatte er gehabt, es nachzufragen. Nur das wusste er sicher: der Geruch war da, und er mochte ihn. Schon beim ersten Mal, als er durch die Tür geschaut hatte, mochte er ihn.
Er stand an der Tür und schaute rein. Die Werkstatt war lang und niedrig, mit hohen Regalen an allen Wänden. Darin lagen Holzstücke, Scharniere, Drähte, Rollen mit dünnem Stoff, kleine Sägen, Dosen mit Farbe. Auf dem Boden unter der Werkbank lagen Holzspäne. An einer langen Werkbank in der Mitte saßen drei Kinder und bauten. Niemand schaute auf.
Tobias war heute zum ersten Mal hier. Die Werkstatt gehörte zu dem Ferienlager, in dem er seit drei Tagen war. Fast niemanden kannte er dort. Die anderen schienen sich schon alle zu kennen. Sie lachten über Dinge, die er nicht verstand, nannten sich bei Spitznamen. In den ersten drei Tagen hatte er hauptsächlich zugeschaut. Heute hatte er sich gedacht, dass er die Werkstatt versuchen wollte.
Einen Schritt trat er rein. Die Dielen knarzten. Kurz wartete er, ob jemand aufschauen würde. Niemand tat es. Die Kinder am Tisch arbeiteten einfach weiter. Er ging zur freien Seite der Werkbank und setzte sich auf den Stuhl dort. Die Bank war breit und zerkratzt, mit alten Leimüberresten und kleinen eingedrückten Mustern von früheren Projekten. Vor ihm lag ein Stück Holz, eine Säge und ein Topf Leim.
Was er bauen sollte, wusste er nicht.
Der Blick ging zu den Kindern neben ihm. Das Mädchen links hatte schon zwei Flügel aus dünnem Stoff gespannt. Sie saßen straff gespannt an einem Rahmen aus dünnem Holz. Der Junge rechts bog gerade ein Stück Draht in eine lange Schlangenkurve, sehr präzise, mit beiden Händen. Das Kind am anderen Ende der Bank klebte kleine Schuppen aus dünner Pappe auf, eine nach der anderen. Niemand erklärte etwas. Niemand schaute ihn an.
Tobias nahm das Holzstück. Es war länglich, glatt auf einer Seite, rau auf der anderen. Er roch nach frischem Holz. Wenn er irgendwas bauen wollte, musste er anfangen. Aber was? Kurz warf er einen Blick zum Mädchen neben ihm. Deren Flügel sahen schon fast fertig aus.
Das Holz legte er hin. Die Säge nahm er. Er setzte sie an einer Stelle an, ohne genau zu wissen, warum. Und sägte.
Es teilte sich sauber. Das Geräusch der Säge hörte sofort auf, als es durch war. Jetzt hatte er zwei Stücke. Die legte er nebeneinander auf die Bank. Sie sahen aus wie zwei kurze Beine. Oder wie zwei kurze Flügel. Oder wie nichts Bestimmtes. Tobias drehte sie, probierte verschiedene Winkel. Ein größeres V, ein kleineres V.
Das Mädchen links sah kurz rüber. Nicht lange, nur eine Sekunde. Dann wandte sie sich wieder ihrem Stoff zu.
Tobias bestrich die Schnittkanten. Das Zeug war kühl und fühlte sich dick zwischen den Fingern an. Er probierte, die beiden Stücke schräg aneinander zu kleben. Das funktionierte nicht. Das obere Stück rutschte jedes Mal weg, obwohl er es festhielt. Dreißig Sekunden, vierzig. Die Finger wurden müde vom Drücken. Es hielt kurz, dann rutschte es wieder.
Er ließ los. Es lag flach auf der Werkbank.
Vor ihm lag noch weiteres Material. Ein kurzer Nagel. Eine Klemme aus Metall. Tobias nahm die Klemme und klemmte die zwei Holzstücke zusammen, bevor der Leim ganz trocknete. Diesmal drückte er fest. Diesmal hielt es.
Er wartete. Die Finger hielt er noch einen Moment drauf. Dann ließ er los. Die Klemme blieb. Der Leim trocknete.
Nach einer Weile löste er die Klemme vorsichtig. Die Stücke saßen fest. Tobias hob das Ganze hoch. Es sah wie ein V aus, ein bisschen schief, auf einer Seite etwas breiter als auf der anderen. Aber es hielt. Er drückte mit dem Daumen dagegen. Es hielt.
Das Mädchen links sah wieder rüber. Diesmal länger.
„Was wird das?“, fragte sie.
Tobias überlegte. Er hatte keine Ahnung, was er gebaut hatte. Das V war auf einer Seite breiter als auf der anderen. Aber es stand. Dann fiel ihm etwas ein.
„Ein Drachenhals“, sagte er.
Das Mädchen schaute das V von der Seite an, dann von oben. Dann nickte es. „Dafür brauchst du jetzt einen Kopf.“
Sie griff in die Kiste neben ihr und holte ein rundliches Holzstück heraus. Es war grob geformt, nicht ganz kugelförmig, aber es hatte die richtige Größe für einen Drachenkopf. Sie legte es vor ihn auf die Bank, ohne etwas dazu zu sagen.
Tobias betrachtete es. Dann sah er auf sein V. Dann noch einmal auf das Holz. Die Maße passten. Er nahm den Leim.
Dieses Mal wusste er, was er tat.
Er arbeitete weiter. Das Mädchen zeigte ihm, wie man vorsichtig Kerben ins Holz schnitt, damit der Leim besser hielt. Tobias versuchte es. Die erste Kerbe war zu tief. Die zweite passte. Der Junge rechts reichte ihm, ohne etwas zu sagen, ein Stück Schleifpapier. Tobias nahm es und schliff die rauesten Stellen glatt.
Als die Stunde zu Ende war, stand vor ihm ein kleiner, schiefer Drachenkopf mit Hals. Der Kopf war nicht ganz rund. Der Hals nicht ganz gerade. Die Schuppen fehlten noch. Die Farbe fehlte. Er sah nicht fertig aus. Aber er sah aus wie etwas.
Er deckte ihn mit einem Tuch ab, wie die Kinder es mit ihren Sachen machten. Das Tuch war aus grobem Leinen, fleckig von früheren Projekten, braun und gelblich. Er glättete es vorsichtig über die Form. Dann schob er den Stuhl zurück und stand auf. Die Hände waren klebrig.
Das Mädchen packte auch ihre Sachen weg. Sie rollte ihre Flügel ein und legte sie sorgfältig in eine flache Kiste. Sie sagte nichts mehr. Aber als sie vorbeiging, blieb sie kurz stehen. Sie tippte auf das Tuch, das seinen Drachen bedeckte. Einmal, mit einem Finger.
Tobias ließ das Tuch da, wo es lag.
Er sah noch einmal auf die Form darunter.
Man konnte die Umrisse erkennen, den Hals, den Kopf, das V.
Tobias strich das Tuch glatt.
Dann ließ er die Hände von der Werkbank.
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Worum geht es in dieser Geschichte?
Tobias und die leise Drachenwerkstatt ist eine ruhige Kindergeschichte zum Anhören über einen Jungen, der sich in einer neuen Umgebung erst zurechtfinden muss. In einer Werkstatt voller Holz, Stoff und Drachenstaub sitzt er zwischen anderen Kindern, die scheinbar genau wissen, was sie tun. Tobias beobachtet, zögert – und beginnt schließlich trotzdem.
Mit einem Stück Holz, etwas Leim und vielen kleinen Versuchen entsteht Schritt für Schritt etwas Eigenes. Es ist nicht perfekt, nicht gerade, nicht fertig. Und doch wächst daraus ein Gefühl, das stärker ist als jede Unsicherheit.
Diese Geschichte erzählt leise und warm davon, wie es sich anfühlt, etwas zum ersten Mal zu wagen. Wie aus einem vorsichtigen Anfang eine eigene Idee entsteht. Und wie ein kleiner Moment der Begegnung alles verändern kann.
Besonders geeignet ist diese Geschichte für:
– ruhige Momente am Tag
– kleine Pausen zwischendurch
– Kinder, die gerne Geschichten hören
– Kinder, die Abenteuer und Fantasie lieben



